Der Musikverein Freudenstein feiert 2025 sein 100-jähriges Vereinsjubiläum. Im Juni 2025 führte das MVF-Team Öffentlichkeitsarbeit ein Gespräch mit Dr. Christoph Gutjahr (1. Vorsitzender) und Oliver Bickel (musikalischer Leiter) darüber, was so ein Vereinsjubiläum in der heutigen Zeit bedeutet.
Frage:
Der Musikverein Freudenstein wird 100 – und kein mehrtägiges Event? Kein Kreismusikfest? Kein Festumzug? Beim 75-jährigen Jubiläum stand das alles noch auf dem Programm.
Dr. Christoph Gutjahr:
Mit voller Absicht und nach einer entsprechenden Diskussion im Vorstand haben wir uns dazu entschlossen, das Jubiläum das ganze Jahr über zu feiern und nicht nur an 3 Tagen. Das haben wir übrigens auch schon 2015 beim 90ig jährigen Jubiläum so gemacht.
Frage:
Der Musikverein hat ja auch in Vereinsjahren ohne Jubiläum immer ein straffes Veranstaltungsprogramm?
Dr. Christoph Gutjahr:
Ja, wir haben im Aktivenorchester jedes Jahr unser Konzert am Karfreitag und unser Silvesterkonzert. Und unsere Jugend hat das „Jugend in Concert“ und die „Jugendweihnachtsfeier“, die dieses Jahr übrigens erstmals als „Jugendwinterkonzert“ im Februar veranstaltet wurde. Wir machen Freizeiten und Probewochenenden und Musizierstunden und absolvieren Auftritte in unseren Heimatgemeinden Knittlingen/Freudenstein und Sternenfels/Diefenbach. Sehr gerne sind wir auch jedes Jahr in Ölbronn auf dem Erntedankfest dabei.
Frage:
Herr Bickel, Sie sind seit 1.1.2024 musikalischer Leiter des Musikvereins Freudenstein. Welche speziellen „Jubiläumsveranstaltungen“ gibt es?
Oliver Bickel:
Als ich am 1.1.2024 offiziell in Freudenstein den Taktstock übernommen habe, war die Diskussion im Verein, was wir zum 100-jährigen Jubiläum machen könnten, schon in vollem Gange. Ich stamme aus Dürrn und kenne den MVF und viele seiner Mitglieder teilweise schon sehr lange. Deshalb hatte ich auch vor meinem offiziellen Amtsantritt schon von der ein oder andere Idee gehört. Wir organisieren zum Beispiel ein Wiedereinsteigerprojektorchester, welches schon seit Herbst 2024 probt und seinen ersten Auftritt am 30.4.2025 auf unserem Maifest hatte. Wir sind am 8. Februar mit einem Festakt offiziell ins Jubiläumsjahr gestartet. Nach dem Konzert am Karfreitag und dem Freudensteiner Maifest haben wir erst vor kurzem das Bundesmusikfest in Ulm/Neu-Ulm besucht und dort auch an einem Wertungsspiel teilgenommen. Am 12. Juli laden wir nach längerer Pause wieder zum Klingenden Dorf nach Diefenbach ein und am 8. November bekommen wir Musiker, und natürlich unsere Zuhörer, ein ganz besonderes Jubiläumsgeschenk: Der MVF richtet ein Konzert des Landesblasorchesters Baden-Württemberg mit vorausgehender Lehrprobe aus. Unser Schlagzeug-Registerführer und Jugenddirigent Michael Schöner ist ja schon lange Jahre Mitglied im LBO und da war es naheliegend zum Jubiläum auch endlich mal ein LBO-Konzert auszurichten.
Frage:
Das ist ein straffes Programm – ziehen da die MusikerInnen alle mit?
Oliver Bickel:
Ja, das klappt ganz gut. Natürlich sind nicht immer alle da, aber das klappt schon.
Frage:
Und wie steht es um das Engagement der fördernden Mitglieder. Viele Verein tun sich ja schwer zum Beispiel für eigene Veranstaltungen genügend HelferInnen zu finden.
Dr. Christoph Gutjahr:
Ja, die Helfersuche ist immer eine große Herausforderung. Wir haben Gott sei Dank ein starkes „Team Wirtschaft“ unter Leitung unseres Patrick Hildwein, welches unsere Veranstaltungen organisiert und sich auch um die Helfergewinnung kümmert. Aber natürlich haben wir auch ein Rückgrat an zuverlässigen HelferInnen, die bei Bedarf auch mehrmals im Jahr unterstützen. Und viele MusikerInnen sind auch schon ganz erfahrene Festköche und Bierzapfer. Viele unserer Jungmusiker helfen z.B. beim Maifest und beim Kunsthandwerkermarkt beim Abräumen der Tische und bei einer der nächsten Veranstaltungen werden Mitglieder der Dorfjugend 22 e.V. aus Knittlingen helfen – wir haben dafür im letzten Jahr auf einer Dorfjugend 22 – Veranstaltung gespielt.
Frage:
„Jugend“ ist ein Stichwort. Das Aktivenorchester des Musikvereins fällt immer wieder durch die vielen jungen MusikerInnen in seinen Reihen auf.
Oliver Bickel:
Unser Aktivenorchester hat einen gefühlt eher niedrigen Altersdurchschnitt, wobei ich jetzt gar nicht sagen könnte, wie unser Altersdurchschnitt konkret ist. Aber natürlich liegt die Zukunft eines Vereins in der Jugend. Aber ohne „Alte“ geht es halt auch nicht. Die Jungen sind nach der Schule oft erst mal weg, wegen Ausbildung oder Studium. Die Zeiten, wo Ausbildung und Studium fast immer in der Nähe der heimischen Scholle erfolgte, sind vorbei. Und wir sind schon froh, wenn jemand in der Nähe studiert und dann zumindest ab und zu an Proben und Auftritten teilnehmen kann und die Verbindung zum aktiven Musizieren und zum Musikverein nicht ganz verliert. Deshalb sind die „Alten“ wichtig. Ohne MusikerInnen im mittleren Erwachsenenalter und älter funktioniert das Aktivenorchester nicht.
Dr. Christoph Gutjahr:
Unser Ziel ist es, jedem Kind in unserem Einzugsbereich zu ermöglichen, aktives Musizieren selbst kennen zu lernen. Dafür bieten wir eine musikalische Grundausbildung mit musikalischer Früherziehung und Blockflöten an. In Kooperationen mit den Grundschulen unserer Heimatgemeinden betreiben wir Bläserklassenprojekte. Hier haben die Kinder die Möglichkeit auszuprobieren, wie das Selber-Musik-Machen so ist und ob es einem Kind gefällt. Die Kinder wissen danach schon ganz gut, ob sie lieber ein Blasinstrument spielen wollen – idealerweise natürlich beim MVF – oder doch lieber ein anderes Instrument. Manche Kinder entscheiden sich für das Singen oder für den Sport. Zurzeit betreut der Musikverein in den Bläserklassenkooperationen unter Leitung von Britta Renz, Rainer Falk und Elisabeth Schurmann ca. 95 Kinder.
Frage:
Wie bewältigt der Musikverein die Betreuung und Ausbildung dieser vielen Kinder?
Oliver Bickel:
Wir haben glücklicherweise einige MusiklehrerInnen in unseren Reihen, die sich mit ihrem Fachwissen in ihrer Freizeit in unsere Vereinsarbeit einbringen. Das ist natürlich ein Glücksfall. Auch haben wir Mitglieder, die LehrerInnen in anderen Fachrichtungen oder ErzieherInnen sind. Und wir fördern die Teilnahme unserer JungmusikerInnen an den Ausbildungsangeboten des Blasmusikverbandes. Und wir haben Ausbilder mit langjähriger Erfahrung, die sich nach wie vor stark in der Ausbildung engagieren.
Dr. Christoph Gutjahr:
Aber einfach ist das nicht. Wir sind froh und dankbar, dass sich so viele Mitglieder in der Jugendausbildung und in der Jugendbetreuung engagieren. Da geht es ja nicht nur um die konkrete musikalische Ausbildung, sondern auch um die Organisation des Ganzen. Unser Team Jugend unter Leitung von Annika Epple und unser Team Finanzen unter Leitung von Marius Kornherr macht da insgesamt einen super Job.
Frage:
2026 startet der Anspruch auf Ganztagesbetreuung in der Grundschule – plant der Musikverein Freudenstein hier aktiv zu werden? Ggf. in welcher Form?
Dr. Christoph Gutjahr:
Stand heute sehen wir keine Möglichkeit, wie wir als Verein im Rahmen der Ganztagesbetreuung aktiv werden könnten. Es braucht dafür Menschen mit Tagesfreizeit und es braucht im Bedarfsfall, Menschen mit Tagesfreizeit, die die Vertretung übernehmen. Diese Menschen haben selbst wir, mit unserer aktuell glücklicherweise guten Verfügbarkeit von Mitgliedern mit einer entsprechenden Qualifikation, nicht. Wir betreuen insbesondere in den Bläserklassen natürlich auch heute schon Kinder während der Schulzeiten – aber wenn ein Betreuer einmal nicht kann, werden ausgefallene Zeiten zu einem anderen Zeitpunkt nachgeholt. Wir haben nicht genügend Mitglieder, die im konkreten Zeitraum Vertretung machen könnten. Und wir sehen auch keine Möglichkeit, das mittelfristig zu organisieren.
Frage:
In welcher Hinsicht ist ein Vereinsjubiläum heute noch ein wichtiges Datum für einen Verein?
Dr. Christoph Gutjahr:
So ein Jubiläum reißt einen Verein aus dem „normalen“ Vereinsalltag. Wir versuchen im MVF zwar immer, unabhängig von irgendwelchen Jubiläen, Aktivitäten und Veranstaltungen zusätzlich zu den „normalen“ Veranstaltungen und Aktivitäten anzubieten – aber es ist einfach so: Schnell ist das Jahr vorbei und der Verein ist so mit der Organisation und Aufrechterhaltung des Regelangebots beschäftigt, dass wieder keine Zeit geblieben ist, irgendetwas von den vielen Ideen, die man hat, auch konkret umzusetzen.
Oliver Bickel:
Außerdem stärkt so ein Jubiläum das Bewusstsein für die Geschichte und Wurzeln des Vereins. Wie viele Männer und Frauen in den letzten 100 Jahren im Verein aktiv waren, neue Ideen in den Verein einbrachten und mutig auch neue Wege gegangen sind. Ich habe da in unserem Festakt am 8.Februar mit großem Interesse die Präsentation zur Vereinsgeschichte verfolgt.
Frage:
Der Festakt am 8. Februar war eine sehr gelungene Veranstaltung. Es wurde auch die digitalisierte Vereinschronik vorgestellt. Wie kam es dazu?
Dr. Christoph Gutjahr:
Wir möchten das Vereinsjubiläum nicht nur nutzen, um auf die schöne Vergangenheit zurückzublicken. Vor allen Dingen möchten wir das Jubiläum nutzen, uns konkret und konstruktiv mit der Zukunft des Vereins zu beschäftigen. Was müssen wir heute tun, damit der Verein morgen davon profitieren kann? Welche Weichen müssen wir heute stellen?
Aus diesen Fragestellungen heraus entstand der Gedanke, kein „Festbuch“ zu erstellen, sondern unsere Vereinschronik zu digitalisieren. Unter https://chronik.musikverein-freudenstein.de/ ist jetzt schon viel über die Geschichte des MVF zu erfahren. Wir werden die Chronik hier immer weiter fortschreiben und laufend ergänzen und aktualisieren. Auch hier haben wir wieder das große Glück, mit unserem Teamleiter Öffentlichkeitsarbeit Lukas Falk, einen Fachmann zu haben, der sich auch beruflich mit Medien beschäftigt.
Oliver Bickel:
Auch die Auswahl der Musikstücke an unseren Jubilumsveranstaltungen spiegelt das wider. Es gibt immer ein bischen „Blick in die Vergangenheit“ – so haben wir auf dem Festakt zum Beispiel die „Regina Ouvertüre“ und auf dem „Konzert zum Karfreitag“ wieder einmal die Ouvertüre zu „Barbier von Sevilla“ gespielt – aber, und das ist das Wichtige: alle anderen Stücke sind MVF-Erstaufführungen. Neu und anspruchsvoll und fordernd für die MusikerInnen – wir probten vor dem Konzert am Karfreitag und vor dem Wertungsspiel am 31.5.2025 auf dem Deutschen Musikfest in Ulm/Neu-Ulm quasi in „Dauerschleife“.
Frage:
Wertungsspiel ist ein Stichwort. Der Musikverein Freudenstein hat 2024 nicht am Wertungsspiel des Kreismusikverbandes teilgenommen, war jetzt aber auf dem Wertungsspielt beim Deutschen Musikfest in Ulm/Neu-Ulm dabei – wie kommt’s?
Oliver Bickel:
Ich habe erst am 1.1.2024 die musikalische Leitung im MVF übernommen, da kam das Wertungsspiel unseres Kreisverbandes im März 2024 einfach zu früh für uns. Aber grundsätzlich sind Wertungsspiele für uns Musikvereine sehr wichtig. Wir kommen so aus der oben schon angesprochenen „Jahresroutine“ raus. Es ist aufregend für alle Beteiligten, die gemeinsamen Proben, die Zusatzproben, die Satzproben fördern den Zusammenhalt und wenn am Wertungsspiel dann das eigene Leistungsvermögen abgerufen werden kann, ist das ein tolles Gefühl.
Dr. Christoph Gutjahr:
Es war für uns der erste Besuch eines Deutschen Musikfestest. Auch hier haben wir ganz bewusst im Jubiläumsjahr die Chance ergriffen, unseren MusikerInnen das Erlebnis der Teilnahme an so einer Großveranstaltung zu ermöglichen. Wir haben ja nicht nur am Wertungsspiel am 31.5.2025 teilgenommen. Unsere MusikerInnen haben nach dem Wertungsspiel und auch noch am darauffolgenden Sonntag auf dem Deutschen Musikfest mitgefeiert. Und unser Team Orchesterverwaltung unter Leitung von Christina Epple hat das alles – den Bus, die Übernachtung, den Überblick behalten, wer wann wohin kommt und dann was braucht – auch ganz hervorragend organisiert.
Frage:
Jetzt müssen Sie uns aber noch sagen, welches Ergebnis auf dem Wertungsspeil erzielt wurde.
Oliver Bickel:
Wir sind in der Kategorie 4 / Oberstufe mit dem Pflichtstück „Don Quixote“ und dem Selbstwahlstück „The Legend of Maracaibo“ angetreten und haben die Bewertung „mit hervorragendem Erfolg teilgenommen“ erreicht.
Dr. Christoph Gutjahr:
Darauf sind wir sehr stolz. Ich möchte die Gelegenheit ergreifen und unserem Dirigenten und unseren MusikerInnen ganz herzlich zu diesem tollen Erfolg zu gratulieren.
Frage:
Dieser Gratulation schließen wir uns gerne an. Wir geht es weiter im Jubiläumsjahr?
Dr. Christoph Gutjahr:
Es ist schon weitergegangen. Einige MusikerInnen sind nämlich direkt nach dem Wertungsspiel nach Hause gefahren, um am Folgetag beim Festumzug zum Fauststadtfest am 1.6.2025 bei der Betreuung der Bläserklassekinder zu helfen. Die BK-4-Kinder haben zusammen mit ihrer Bläserklassenleiterin Britta Renz – die auf dem Wertungsspiel am Vortag noch als 1. Klarinettistin gefordert war – am Festumzug teilgenommen. Und da brauchte es natürlich zusätzliche BetreuerInnen.
Unsere nächste eigene Veranstaltung ist am 12. Juli das „Klingende Dorf“ in Diefenbach, wo auch wieder wirklich alle MusikerInnen, von den Bläserklassen bis zum Aktivenorchester, mitspielen werden. Und am 8.11.2025 freuen wir uns wie gesagt sehr, dass wir in der Gießbachhalle in Diefenbach ein Konzert des Landesblasorchesters Baden-Württemberg ausrichten dürfen, zu dem auch eine Lehrprobe für unser Aktivenorchester mit dem Dirigenten des LBO und einzelnen LBO-Musikern gehört.
Herr Dr. Gutjahr, Herr Bickel, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen und dem Musikverein Freudenstein weiterhin alles Gute.




